Deutschland von oben 2


Folge 4: Stadt

Ganz Deutschland ist überzogen von einem Netz aus Städten. Von den zehn großen Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf, Dortmund, Essen und Bremen bis zu den hunderten von Klein- und Mittelstädten. 85 Prozent von uns Deutschen leben heute in Großstädten, Städten und Städtchen. Aber warum lieben wir es, uns in solchen Ballungsgebieten zusammen zu drängen?

Die erste Staffel der Terra X- Reihe Deutschland von oben wurde von den Zuschauern heiß geliebt. Auch in der zweiten Staffel schauen wir aus der Luft auf Deutschlands Städte – und entlocken ihnen die ungewöhnlichsten Perspektiven und manche Geheimnisse. Bei der Fahrt mit dem einzigen deutschen Zeppelin etwa. An Bord: das Forschungszentrum Jülich. Ihre Mission: die Messung der Schadstoffe und ihre Verteilung in der Atmosphäre – vom Luftschiff aus. Ist die Luft über Frankfurt oder über der weltgrößten Chemiefabrik von BASF in Ludwigshafen tatsächlich schlechter als im Schwarzwald oder in Freiburg?

Aus der Luft identifiziert der Luftbild-Archäologe Klaus Leidorf die verschütteten Überreste der ältesten Stadt Deutschlands. Das oberbayerische Manching, in der Nähe von Ingolstadt, war die Großstadt der Kelten. Bis zu 10.000 Menschen lebten hier in der Eisenzeit – mehr als in irgendeiner Stadt nördlich der Alpen. Das Eisenerz der Umgebung machte die Keltenstadt zum Zentrum der Eisenindustrie, günstig gelegen an der Kreuzung von Handelswegen und an der Donau. Klaus Leidorf kann bis heute Teile der 7 Kilometer langen Stadtmauern des alten Manching nachweisen. Schon in der Eisenzeit waren die Städte der Ausgangspunkt von Wohlstand und Kultur. Doch warum verschwand das alte Oppidum von Manching, das später die Römer übernahmen, für Jahrhunderte von der Bildfläche?

Fast alle unsere Großstädte sind in alten Zeiten gewachsen, zur Zeit der Römer oder im hohen Mittelalter, und sie haben ihre Stellung über Jahrhunderte verteidigen können. Römer-Gründungen wie Köln oder Mainz wuchsen in ihrem heutigen Bauplan entlang der römischen Garnisonsstraßen. Städte wie Bamberg oder Münster blieben über mehr als tausend Jahre wichtige Bischofssitze. Hafenstädte wie Bremen, Hamburg und Duisburg am Rhein kämpften über die Jahrhunderte um ihren Verkehrszugang zum Meer und stellten sich immer wieder neu auf die neuen, immer größeren Schiffe ein – oder zogen um, wenn der Fluss durch Hochwasser und Naturgewalten seinen Lauf änderte. Im Ruhrgebiet erfinden sich die einstigen Stahl-Giganten Dortmund und Essen nach der De-Industrialisierung gerade neu und werden zu Magneten für junge Leute.

Städte scheinen hartnäckig wie alte Bäume zu sein – und aus der Luft sieht man ihre Wachstumsringe. Aber was führt dazu, dass wir über Jahrhunderte an denselben Orten bleiben, auch wenn die alte Anziehungskraft der Städte gar nicht mehr nachvollziehbar ist? Und wann wird ein Ort zur verlassenen Goldgräberstadt, wie einst Manching?

Aus der Vogelperspektive erkennt man selbst in der Millionenstadt Köln noch ganz andere Phänomene. An welchen Plätzen begraben wir in den Städten unsere Toten? Köln spiegelt wie kaum eine andere Stadt auch ihre Stadt der Toten wider. In allen deutschen Städten wurden die Toten in den verschiedenen Zeitaltern immer an unterschiedlichen Stätten begraben. Einmal in der Mitte der Stadt, neben der Kirche, dann außerhalb der Stadtmauern, vor allem in Zeiten der Angst vor den großen Seuchen und Epidemien. Und so wanderten die Friedhöfe über die Jahrhunderte und hinterließen ihre Spuren.

In deutschen Städten hat der Bombenkrieg die radikalsten Umbrüche erzeugt. Hamburg, Dresden, Köln und Dortmund, Nürnberg oder Stuttgart wurden 1943 bis 1945 dem Erdboden gleichgemacht. Danach mussten Bürger und Stadtväter entscheiden, wie viel von dem alten, mittelalterlichen, lieblichen Wirrwarr sie wieder aufbauen wollten – oder ob sie auf dem nahezu gleichen Stadtplan eine moderne Stadt neu bauen wollten. Heute sind wir sehnsüchtig auf der Suche nach möglichst viel „Altem“. Wir lieben die hohen Fenster und Stuckfassaden der Gründerzeit-Häuser, von denen allzu viele im Zweiten Weltkrieg untergingen. Manche Städte, wie Nürnberg oder Münster, bauten einige Teile ihrer mittelalterlichen Altstadt nach – in vereinfachter Form. Aber doch mit dem Erfolg, dass ihre Stadtbilder uns heute wehmütig an vermeintlich gute alte Zeiten erinnern. In Dresden mussten sie besonders lange warten, bis die Frauenkirche wieder aufgebaut war. Das vermeintlich historische Gebäude wird heute vom Hubschrauber aus per Laserscan vermessen.

Andere deutsche Städte wurden insgesamt am Reißbrett geplant und aus dem Boden gestampft: Planstädte wie Karlsruhe, Mannheim oder Freudenstadt von baufreudigen badischen Königen, Retortenstädte wie Wolfsburg oder Eisenhüttenstadt von den beiden deutschen Diktaturen, die eine von den Nazis, die andere von den Kommunisten der DDR. Im Wachstum aller großen Städte aber sind heute die Planungs-Quadrate zu sehen, ob in Berlin oder München. Die Moden und Verirrungen der Stadtplanung sind aus der Luft überall zu sehen. Und manchmal zu spüren. In Berlin etwa lassen sich die im Stadtgebiet unterschiedlichen Wärmezonen der Luft präzise messen. Wegen der Gebäuderiegel heizt sich Berlin im Sommer in manchen Stadtteilen um satte 5 Grad mehr auf als in anderen Bezirken.

Das Weltkulturerbe von Bamberg, das auf seinen sieben Hügeln als das deutsche Rom gilt, oder Bremen, das als die englischste Stadt Deutschlands und von Städteforschern als „lebenswerteste Stadt Deutschlands“ eingestuft wird, sind dagegen nicht nur aus der Höhe betrachtet eine einzige Augenweide. Das Ebenmaß des Zufalls und der maßvollen Bauregeln ergibt offenbar das, was uns heute am Bild unserer Städte besonders fasziniert. Das wie aus dem Mittelalter in unsere Zeit gespülte Nördlingen in Schwaben, einst freie Reichsstadt, ist dabei die perfekte Zeitreise in jene Epochen, in denen Äcker innerhalb der Stadtmauern und die Friedhöfe noch im Stadtzentrum lagen und die Kanalisation, die Müllabfuhr und die Elektrizität noch nicht unser Leben erleichterten.

Die erste Staffel der Terra X- Reihe Deutschland von oben wurde von den Zuschauern heiß geliebt. Auch in der zweiten Staffel schauen wir aus der Luft auf Deutschlands Städte – und entlocken ihnen die ungewöhnlichsten Perspektiven und manche Geheimnisse. Bei der Fahrt mit dem einzigen deutschen Zeppelin etwa. An Bord: das Forschungszentrum Jülich. Ihre Mission: die Messung der Schadstoffe und ihre Verteilung in der Atmosphäre – vom Luftschiff aus. Ist die Luft über Frankfurt oder über der weltgrößten Chemiefabrik von BASF in Ludwigshafen tatsächlich schlechter als im Schwarzwald oder in Freiburg?

Aus der Luft identifiziert der Luftbild-Archäologe Klaus Leidorf die verschütteten Überreste der ältesten Stadt Deutschlands. Das oberbayerische Manching, in der Nähe von Ingolstadt, war die Großstadt der Kelten. Bis zu 10.000 Menschen lebten hier in der Eisenzeit – mehr als in irgendeiner Stadt nördlich der Alpen. Das Eisenerz der Umgebung machte die Keltenstadt zum Zentrum der Eisenindustrie, günstig gelegen an der Kreuzung von Handelswegen und an der Donau. Klaus Leidorf kann bis heute Teile der 7 Kilometer langen Stadtmauern des alten Manching nachweisen. Schon in der Eisenzeit waren die Städte der Ausgangspunkt von Wohlstand und Kultur. Doch warum verschwand das alte Oppidum von Manching, das später die Römer übernahmen, für Jahrhunderte von der Bildfläche?

Fast alle unsere Großstädte sind in alten Zeiten gewachsen, zur Zeit der Römer oder im hohen Mittelalter, und sie haben ihre Stellung über Jahrhunderte verteidigen können. Römer-Gründungen wie Köln oder Mainz wuchsen in ihrem heutigen Bauplan entlang der römischen Garnisonsstraßen. Städte wie Bamberg oder Münster blieben über mehr als tausend Jahre wichtige Bischofssitze. Hafenstädte wie Bremen, Hamburg und Duisburg am Rhein kämpften über die Jahrhunderte um ihren Verkehrszugang zum Meer und stellten sich immer wieder neu auf die neuen, immer größeren Schiffe ein – oder zogen um, wenn der Fluss durch Hochwasser und Naturgewalten seinen Lauf änderte. Im Ruhrgebiet erfinden sich die einstigen Stahl-Giganten Dortmund und Essen nach der De-Industrialisierung gerade neu und werden zu Magneten für junge Leute.

Städte scheinen hartnäckig wie alte Bäume zu sein – und aus der Luft sieht man ihre Wachstumsringe. Aber was führt dazu, dass wir über Jahrhunderte an denselben Orten bleiben, auch wenn die alte Anziehungskraft der Städte gar nicht mehr nachvollziehbar ist? Und wann wird ein Ort zur verlassenen Goldgräberstadt, wie einst Manching?

Aus der Vogelperspektive erkennt man selbst in der Millionenstadt Köln noch ganz andere Phänomene. An welchen Plätzen begraben wir in den Städten unsere Toten? Köln spiegelt wie kaum eine andere Stadt auch ihre Stadt der Toten wider. In allen deutschen Städten wurden die Toten in den verschiedenen Zeitaltern immer an unterschiedlichen Stätten begraben. Einmal in der Mitte der Stadt, neben der Kirche, dann außerhalb der Stadtmauern, vor allem in Zeiten der Angst vor den großen Seuchen und Epidemien. Und so wanderten die Friedhöfe über die Jahrhunderte und hinterließen ihre Spuren.

In deutschen Städten hat der Bombenkrieg die radikalsten Umbrüche erzeugt. Hamburg, Dresden, Köln und Dortmund, Nürnberg oder Stuttgart wurden 1943 bis 1945 dem Erdboden gleichgemacht. Danach mussten Bürger und Stadtväter entscheiden, wie viel von dem alten, mittelalterlichen, lieblichen Wirrwarr sie wieder aufbauen wollten – oder ob sie auf dem nahezu gleichen Stadtplan eine moderne Stadt neu bauen wollten. Heute sind wir sehnsüchtig auf der Suche nach möglichst viel „Altem“. Wir lieben die hohen Fenster und Stuckfassaden der Gründerzeit-Häuser, von denen allzu viele im Zweiten Weltkrieg untergingen. Manche Städte, wie Nürnberg oder Münster, bauten einige Teile ihrer mittelalterlichen Altstadt nach – in vereinfachter Form. Aber doch mit dem Erfolg, dass ihre Stadtbilder uns heute wehmütig an vermeintlich gute alte Zeiten erinnern. In Dresden mussten sie besonders lange warten, bis die Frauenkirche wieder aufgebaut war. Das vermeintlich historische Gebäude wird heute vom Hubschrauber aus per Laserscan vermessen.

Andere deutsche Städte wurden insgesamt am Reißbrett geplant und aus dem Boden gestampft: Planstädte wie Karlsruhe, Mannheim oder Freudenstadt von baufreudigen badischen Königen, Retortenstädte wie Wolfsburg oder Eisenhüttenstadt von den beiden deutschen Diktaturen, die eine von den Nazis, die andere von den Kommunisten der DDR. Im Wachstum aller großen Städte aber sind heute die Planungs-Quadrate zu sehen, ob in Berlin oder München. Die Moden und Verirrungen der Stadtplanung sind aus der Luft überall zu sehen. Und manchmal zu spüren. In Berlin etwa lassen sich die im Stadtgebiet unterschiedlichen Wärmezonen der Luft präzise messen. Wegen der Gebäuderiegel heizt sich Berlin im Sommer in manchen Stadtteilen um satte 5 Grad mehr auf als in anderen Bezirken.

Das Weltkulturerbe von Bamberg, das auf seinen sieben Hügeln als das deutsche Rom gilt, oder Bremen, das als die englischste Stadt Deutschlands und von Städteforschern als „lebenswerteste Stadt Deutschlands“ eingestuft wird, sind dagegen nicht nur aus der Höhe betrachtet eine einzige Augenweide. Das Ebenmaß des Zufalls und der maßvollen Bauregeln ergibt offenbar das, was uns heute am Bild unserer Städte besonders fasziniert. Das wie aus dem Mittelalter in unsere Zeit gespülte Nördlingen in Schwaben, einst freie Reichsstadt, ist dabei die perfekte Zeitreise in jene Epochen, in denen Äcker innerhalb der Stadtmauern und die Friedhöfe noch im Stadtzentrum lagen und die Kanalisation, die Müllabfuhr und die Elektrizität noch nicht unser Leben erleichterten.

Facts

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kamerapreis
Ausstrahlungstermine
Sonntag, 15. Mai 2011 um 19.30 Uhr, ZDF
Montag, 16. Mai 2011 um 20:15 Uhr, ZDFneo

Nächster Ausstrahlungstermin am Sonntag, 12. April 2026 um 06:05 Uhr, Sky Nature.

Credits

Buch, Regie, Produktion: Petra Höfer und Freddie Röckenhaus

Helikopter Kamera: Peter Thompson

Kamera: Marcus von Kleist, Ingmar Lindner u.a

Schnitt: Jörg Wegner, Maren Grossmann

Realisatoren: Friederike Schmidt-Vogt, Kay Schlasse, Francesca D`Amicis, Johannes Fritsche

Produktionsleitung: Svenja Mandel

Sprecher: Leon Boden

Redaktion: Alexander Hesse (ZDF), Katharina Rau (ZDF)

Eine Produktion von colourFIELD im Auftrag des ZDF

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